© VOK DAMS / Oliver Wachenfeld

Bildnachweis: KI-generierte Illustration (2026)

Live-Kommunikation:
Im Spannungsfeld von KI, Automatisierung und echter Begegnung

Zur Person: Colja Dams ist Inhaber und Co-CEO von VOK DAMS worldwide, einer der international führenden Agenturen für Events und Live-Marketing. Das Unternehmen wurde 1975 gegründet und vielfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Dams selbst belegte 2026 im internationalen Ranking „Top 100 Event Agency Leaders“ Platz 1. Seine besondere Leidenschaft gilt der Weiterentwicklung der Live-Kommunikation: Er beschäftigt sich intensiv mit den Potenzialen neuer Technologien, treibt Innovationen im Live-Marketing voran und sucht immer wieder nach neuen Wegen, Menschen zu erreichen und zu begeistern, live wie virtuell. www.vokdams.de

„KI wird nicht darüber entscheiden, welche Agentur sich durchsetzt. Entscheidend ist, wer Technologie mit Urteilskraft, Kreativität und den besseren Ideen verbindet.“

Sie stellen bei neuen Eventprojekten sehr früh die Frage nach dem „Event Call to Action“: Was sollen Teilnehmende nach einer Veranstaltung anders denken, fühlen oder tun? Welche Konsequenzen hat dieser Ansatz konkret für die Konzeption eines Events und wie verändert er die Rolle von Format, Bühne und Inszenierung?

Colja Dams: Wenn wir uns früh in der Planung die Frage stellen, was die Teilnehmenden nach dem Event anders denken, fühlen oder tun sollen, verändert das die gesamte Konzeption. Der Event Call to Action ist für uns deshalb der strategische Ausgangspunkt: Er definiert die gewünschte Wirkung und daraus leiten wir Format, Dramaturgie und Inszenierung ab. Damit dreht sich die klassische Eventlogistik ein Stück weit um: Nicht „Was wollen wir auf der Bühne zeigen?“, sondern „Was soll bei den Teilnehmenden passieren und was braucht es dafür?“ Das kann eine große Inszenierung sein, aber genauso ein Workshop, eine Frage-Session oder ein Format, das auf den ersten Blick viel unspektakulärer wirkt. Entscheidend ist nicht die Größe oder der Wow-Effekt, sondern ob das Format die gewünschte Veränderung tatsächlich unterstützt. Am Ende ist nicht entscheidend, wie spektakulär ein Event war, sondern was danach anders ist.

Mit digitalen Doppelgängern will VOK DAMS bereits vor einem Event simulieren, wie Zielgruppen auf Inhalte, Dramaturgie und Formate reagieren. Sie sprechen vom Wechsel von Post-Data zu Pre-Data und sagen: „Wir lernen vorher, was wirkt.“ Wie belastbar sind solche Prognosen heute bereits und wie verhindert man, dass datenbasierte Empfehlungen vor allem bekannte Erfolgsmuster reproduzieren und kreative Überraschungsmomente ausbremsen?

Colja Dams: Unsere bisherigen Tests, Validierungen und konkreten Projekte zeigen, dass diese Modelle heute bereits eine sehr wertvolle Entscheidungsgrundlage liefern. Natürlich ist die KI keine Glaskugel, die das Verhalten jedes einzelnen Menschen exakt vorhersagt. Aber wir können sehr gut simulieren, wie bestimmte Zielgruppen voraussichtlich auf Inhalte, Botschaften, Dramaturgien oder Formate reagieren, wo Reibung entsteht und was Wirkung erzeugt. Dadurch können wir gezielter „made-for-me-moments“ schaffen: Momente, in denen unterschiedliche Teilnehmende das Gefühl haben, dass genau dieser Inhalt, diese Begegnung oder dieses Format für sie gemacht ist. Und genau hier sehe ich auch keinen Widerspruch zur Kreativität. Die KI sagt unseren Kreativen nicht, was sie sich ausdenken sollen. Sie hilft ihnen vielmehr dabei, ihre Ideen vorab zu testen und besser einzuschätzen, ob sie die gewünschte Wirkung erzielen können. Das kann sogar zu mutigeren Events führen. Wenn ich eine ungewöhnliche Idee habe und bereits vorher Hinweise darauf bekomme, dass meine Zielgruppe sie versteht und dass sie die gewünschte Wirkung erzeugt, habe ich eine viel bessere Grundlage, tatsächlich mutig zu sein. Richtig eingesetzt soll KI Kreativität nicht kleiner machen, sondern uns die Sicherheit geben, größer zu denken.

Sie betonen die Bedeutung von „Serendipity“, also ungeplanten Begegnungen, aus denen für Teilnehmende oft besonders wertvolle Momente entstehen. Wie lässt sich dafür bewusst Raum schaffen, wenn Eventplanung durch Daten und KI immer präziser wird? Müssen gute Events künftig vielleicht beides können: Wirkung gezielt planen und Offenheit für das Unvorhersehbare bewahren?

Colja Dams: Unbedingt. Wirkung gezielt zu planen bedeutet nicht, ein Event bis auf die letzte Sekunde durchzukontrollieren. Im Gegenteil: Ein gutes Event muss bewusst freie Räume schaffen. Wir sprechen dabei viel über Serendipity, diese ungeplanten Begegnungen und Zufälle, aus denen für Teilnehmende manchmal die wertvollsten Momente entstehen. Das beginnt ganz praktisch damit, Programme nicht komplett zu überfrachten. Wenn ich jede Minute verplane und gleichzeitig zehn parallele Sessions anbiete, bleibt kaum Raum dafür, Menschen zu treffen, Gedanken weiterzuführen oder Neues zu entdecken. Gleichzeitig reicht es nicht, einfach eine einstündige Networking-Pause in die Agenda zu schreiben und darauf zu hoffen, dass Serendipity entsteht. Nicht jeder Mensch ist ein geborener Netzwerker. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir solche Begegnungen durch Räume, Formate und kleine Impulse unterstützen können. Daten und KI können uns dabei helfen, die Struktur dahinter besser zu verstehen: Wo braucht ein Event Orientierung und Führung, wo kann man bewusst Freiräume lassen? Die Entscheidung dafür bleibt aber eine konzeptionelle Aufgabe. Serendipity selbst lässt sich nicht planen. Aber wir können sehr bewusst die Bedingungen dafür schaffen, dass sie wahrscheinlicher wird.

KI beschleunigt Recherche, Kreation, Projektmanagement und Personalisierung. Wenn viele Agenturen künftig auf ähnlich leistungsfähige Systeme zugreifen können: Woraus entsteht dann noch echte Differenzierung? Welche Fähigkeiten werden für Agenturen dadurch wertvoller und welche verlieren möglicherweise an Bedeutung?

Colja Dams: KI ist zunächst einmal ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet nicht allein seine Leistungsfähigkeit über das Ergebnis, sondern der Mensch, der damit arbeitet. Wenn alle Agenturen auf ähnliche Modelle zugreifen können, wird der menschliche Faktor deshalb umso wichtiger. Wir sehen bereits heute, dass KI-generierter Content austauschbar und generisch sein kann. Differenzierung entsteht dann durch Urteilskraft, Erfahrung, Haltung, Kreativität und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Natürlich kann ich KI hervorragend als Sparringspartner einsetzen und dadurch auf Ideen kommen, die ich allein nicht entwickelt hätte. Aber jemand muss einen ersten Impuls geben. Jemand muss erkennen, welche Idee relevant ist. Und am Ende muss jemand Verantwortung dafür übernehmen, ob das Ergebnis wirklich gut ist.

Gleichzeitig verschieben sich die Kompetenzprofile in Agenturen. Routineaufgaben und reine Produktion werden an Bedeutung verlieren. Wertvoller werden Fähigkeiten an den Schnittstellen von Strategie, Kreation, Daten und Technologie. Wir werden beispielsweise mehr Spezialisten brauchen, die Daten, Verhaltensmuster und Simulationen verstehen und daraus konkrete Empfehlungen für Konzeption und Experience ableiten können. Auch die enge Zusammenarbeit mit Kundenteams wird wichtiger, weil Expertise dort gebraucht wird, wo Entscheidungen getroffen werden.

Deshalb glaube ich: Die entscheidende Frage wird nicht sein, wer die beste KI hat. Sondern wer aus denselben technologischen Möglichkeiten die besseren Entscheidungen, Ideen und Erlebnisse macht.

Ihre Agentur arbeitet international. Zuletzt haben Sie besonders die Geschwindigkeit hervorgehoben, mit der Events in China geplant und umgesetzt werden. Was können europäische Unternehmen von diesem „China Speed“ tatsächlich lernen und wo wäre es ein Fehler, Geschwindigkeit einfach mit Fortschritt gleichzusetzen?

Colja Dams: Was wir aus China mitnehmen können, ist die Bereitschaft, Entscheidungen früher zu treffen und die Umsetzung stärker parallel zu organisieren. In China erleben wir teilweise extrem kurze Vorlaufzeiten von vier bis sechs Wochen. Das ist beeindruckend, aber nicht automatisch etwas, das wir einfach kopieren sollten. Entscheidend sind die Prinzipien dahinter: weniger sequentielle Prozesse, schnellere Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung früher zu übernehmen. Genau das können auch europäische Unternehmen lernen, ohne Qualität, Sicherheit oder strategische Sorgfalt aufzugeben. Denn Geschwindigkeit darf niemals mit Hektik verwechselt werden. Gerade bei Veranstaltungen in der Größenordnung, in der wir arbeiten, sind Qualität und Sicherheit nicht verhandelbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie können wir schneller entscheiden, ohne schlechter zu entscheiden?

Genau dabei helfen uns auch neue Technologien. Wenn wir beispielsweise mithilfe digitaler Doppelgänger Konzepte und Entscheidungen bereits im Vorfeld mit der jeweiligen Zielgruppe simulieren können, reduzieren wir Unsicherheit und können schneller Klarheit gewinnen. Für mich bedeutet „China Speed“ deshalb nicht, alles schneller zu machen. Es bedeutet, unnötige Wartezeiten aus Entscheidungen und Prozessen herauszunehmen.

Blicken wir auf das Jahr 2030. Wenn Content weitgehend automatisiert erzeugt werden kann, digitale Kommunikation nahezu unbegrenzt skalierbar ist und KI immer mehr Prozesse übernimmt, was wird dann der eigentliche Luxus von Live-Kommunikation sein? Und woran werden wir erkennen, dass ein Event wirklich zukunftsfähig ist?

Colja Dams: Ich würde bei der Frage an einem Punkt widersprechen: Live-Kommunikation wird für mich kein Luxus werden. Sie bleibt etwas zutiefst Menschliches. Menschen haben seit jeher das Bedürfnis, zusammenzukommen, sich auszutauschen und Dinge gemeinsam zu erleben. Wir alle tragen dieses Lagerfeuer-Gen in uns. Daran ändern auch KI, virtuelle Welten oder automatisierte Kommunikation nichts. Was sich verändert, ist der Kontext. Wenn Content praktisch unbegrenzt verfügbar ist und digitale Kommunikation immer einfacher skalierbar wird, bekommt die reale Begegnung einen noch höheren Stellenwert. Gemeinsame Zeit, echte Aufmerksamkeit und das Gefühl, etwas zusammen erlebt zu haben, lassen sich nicht beliebig skalieren oder automatisieren. Deshalb wird für mich nicht die Technologie darüber entscheiden, ob ein Event 2030 zukunftsfähig ist. Entscheidend ist der Reason to Come: Gibt es einen echten Grund, warum Menschen dafür zusammenkommen sollten? Und entsteht daraus ein echter Wert für beide Seiten? Das Unternehmen muss mit dem Event seine Ziele erreichen. Gleichzeitig müssen die Teilnehmenden etwas erleben, das für sie relevant ist, sie berührt, ihnen etwas mitgibt und ihnen einen Grund gibt, wiederzukommen. Genau darin liegt die Zukunft von Live. Je digitaler und automatisierter unsere Kommunikation wird, desto wertvoller werden die Momente, die wir nicht digitalisieren können. Live is mission critical.

KI verändert, wie Events geplant, gesteuert und ausgewertet werden. Gleichzeitig wächst in einer zunehmend digitalisierten Welt die Sehnsucht nach echter Begegnung. Was bedeutet das für die Zukunft der Live-Kommunikation? Die boe international sprach mit Colja Dams, Co-CEO der Event- und Kommunikationsagentur VOK DAMS, über KI, datenbasierte Planung und kreative Differenzierung. Und darüber, was Live-Events künftig unverwechselbar macht.

Je digitaler unsere Kommunikation wird, desto wertvoller scheint die reale Begegnung zu werden. Sie beobachten zugleich einen regelrechten „Tsunami“ an KI-generiertem Content in den sozialen Medien. Wird Live-Kommunikation künftig gerade deshalb an Bedeutung gewinnen, weil sie etwas bietet, das digital zunehmend knapp wird: ungeteilte Aufmerksamkeit und persönliche Begegnung?

Colja Dams: Absolut. Live-Kommunikation ist die Gegenbewegung zu dem, was wir gerade im digitalen Raum erleben. Und sie gewinnt nicht erst künftig an Bedeutung, sondern bereits heute. Je mehr Kommunikation automatisiert, personalisiert und nahezu unbegrenzt skalierbar wird, desto wertvoller wird das, was sich nicht beliebig skalieren lässt: echte Anwesenheit, persönliche Begegnung, gebündelte Aufmerksamkeit und gemeinsam erlebte Momente. Oder zugespitzt: Je perfekter die Kopie wird, desto wertvoller wird das Original. Das ist auch in den Zahlen sichtbar. Der EventTrack 2026 zeigt beispielsweise, dass 57 Prozent der B2B- und B2C-Teilnehmenden ihre Eventbesuche erhöhen wollen. Gleichzeitig investieren Marken weiter stark in Live Experiences und rücken Events zunehmend ins Zentrum ihrer Marketingaktivitäten. Und genau das erleben wir auch in unserer täglichen Arbeit. Unternehmen suchen sehr bewusst nach Orten und Momenten, an denen Menschen nicht nur Informationen aufnehmen, sondern Beziehungen aufbauen, Vertrauen entwickeln und Marken tatsächlich erleben können. Nicht als nostalgische Gegenbewegung zur Digitalisierung, sondern gerade weil der Rest unserer Welt immer digitaler wird.

„Je digitaler und automatisierter Kommunikation wird, desto wertvoller werden echte Begegnung, gemeinsame Aufmerksamkeit und Erlebnisse, die sich nicht beliebig skalieren lassen.“

Bildnachweis: KI-generierte Illustration (2026)

Live-Kommunikation:
Im Spannungsfeld von KI, Automatisierung und echter Begegnung

© VOK DAMS / Oliver Wachenfeld

KI verändert, wie Events geplant, gesteuert und ausgewertet werden. Gleichzeitig wächst in einer zunehmend digitalisierten Welt die Sehnsucht nach echter Begegnung. Was bedeutet das für die Zukunft der Live-Kommunikation? Die boe international sprach mit Colja Dams, Co-CEO der Event- und Kommunikationsagentur VOK DAMS, über KI, datenbasierte Planung und kreative Differenzierung. Und darüber, was Live-Events künftig unverwechselbar macht.

Je digitaler unsere Kommunikation wird, desto wertvoller scheint die reale Begegnung zu werden. Sie beobachten zugleich einen regelrechten „Tsunami“ an KI-generiertem Content in den sozialen Medien. Wird Live-Kommunikation künftig gerade deshalb an Bedeutung gewinnen, weil sie etwas bietet, das digital zunehmend knapp wird: ungeteilte Aufmerksamkeit und persönliche Begegnung?

Colja Dams: Absolut. Live-Kommunikation ist die Gegenbewegung zu dem, was wir gerade im digitalen Raum erleben. Und sie gewinnt nicht erst künftig an Bedeutung, sondern bereits heute. Je mehr Kommunikation automatisiert, personalisiert und nahezu unbegrenzt skalierbar wird, desto wertvoller wird das, was sich nicht beliebig skalieren lässt: echte Anwesenheit, persönliche Begegnung, gebündelte Aufmerksamkeit und gemeinsam erlebte Momente. Oder zugespitzt: Je perfekter die Kopie wird, desto wertvoller wird das Original. Das ist auch in den Zahlen sichtbar. Der EventTrack 2026 zeigt beispielsweise, dass 57 Prozent der B2B- und B2C-Teilnehmenden ihre Eventbesuche erhöhen wollen. Gleichzeitig investieren Marken weiter stark in Live Experiences und rücken Events zunehmend ins Zentrum ihrer Marketingaktivitäten. Und genau das erleben wir auch in unserer täglichen Arbeit. Unternehmen suchen sehr bewusst nach Orten und Momenten, an denen Menschen nicht nur Informationen aufnehmen, sondern Beziehungen aufbauen, Vertrauen entwickeln und Marken tatsächlich erleben können. Nicht als nostalgische Gegenbewegung zur Digitalisierung, sondern gerade weil der Rest unserer Welt immer digitaler wird.

Sie stellen bei neuen Eventprojekten sehr früh die Frage nach dem „Event Call to Action“: Was sollen Teilnehmende nach einer Veranstaltung anders denken, fühlen oder tun? Welche Konsequenzen hat dieser Ansatz konkret für die Konzeption eines Events und wie verändert er die Rolle von Format, Bühne und Inszenierung?

Colja Dams: Wenn wir uns früh in der Planung die Frage stellen, was die Teilnehmenden nach dem Event anders denken, fühlen oder tun sollen, verändert das die gesamte Konzeption. Der Event Call to Action ist für uns deshalb der strategische Ausgangspunkt: Er definiert die gewünschte Wirkung und daraus leiten wir Format, Dramaturgie und Inszenierung ab. Damit dreht sich die klassische Eventlogistik ein Stück weit um: Nicht „Was wollen wir auf der Bühne zeigen?“, sondern „Was soll bei den Teilnehmenden passieren und was braucht es dafür?“ Das kann eine große Inszenierung sein, aber genauso ein Workshop, eine Frage-Session oder ein Format, das auf den ersten Blick viel unspektakulärer wirkt. Entscheidend ist nicht die Größe oder der Wow-Effekt, sondern ob das Format die gewünschte Veränderung tatsächlich unterstützt. Am Ende ist nicht entscheidend, wie spektakulär ein Event war, sondern was danach anders ist.

Mit digitalen Doppelgängern will VOK DAMS bereits vor einem Event simulieren, wie Zielgruppen auf Inhalte, Dramaturgie und Formate reagieren. Sie sprechen vom Wechsel von Post-Data zu Pre-Data und sagen: „Wir lernen vorher, was wirkt.“ Wie belastbar sind solche Prognosen heute bereits und wie verhindert man, dass datenbasierte Empfehlungen vor allem bekannte Erfolgsmuster reproduzieren und kreative Überraschungsmomente ausbremsen?

Colja Dams: Unsere bisherigen Tests, Validierungen und konkreten Projekte zeigen, dass diese Modelle heute bereits eine sehr wertvolle Entscheidungsgrundlage liefern. Natürlich ist die KI keine Glaskugel, die das Verhalten jedes einzelnen Menschen exakt vorhersagt. Aber wir können sehr gut simulieren, wie bestimmte Zielgruppen voraussichtlich auf Inhalte, Botschaften, Dramaturgien oder Formate reagieren, wo Reibung entsteht und was Wirkung erzeugt. Dadurch können wir gezielter „made-for-me-moments“ schaffen: Momente, in denen unterschiedliche Teilnehmende das Gefühl haben, dass genau dieser Inhalt, diese Begegnung oder dieses Format für sie gemacht ist. Und genau hier sehe ich auch keinen Widerspruch zur Kreativität. Die KI sagt unseren Kreativen nicht, was sie sich ausdenken sollen. Sie hilft ihnen vielmehr dabei, ihre Ideen vorab zu testen und besser einzuschätzen, ob sie die gewünschte Wirkung erzielen können. Das kann sogar zu mutigeren Events führen. Wenn ich eine ungewöhnliche Idee habe und bereits vorher Hinweise darauf bekomme, dass meine Zielgruppe sie versteht und dass sie die gewünschte Wirkung erzeugt, habe ich eine viel bessere Grundlage, tatsächlich mutig zu sein. Richtig eingesetzt soll KI Kreativität nicht kleiner machen, sondern uns die Sicherheit geben, größer zu denken.

Sie betonen die Bedeutung von „Serendipity“, also ungeplanten Begegnungen, aus denen für Teilnehmende oft besonders wertvolle Momente entstehen. Wie lässt sich dafür bewusst Raum schaffen, wenn Eventplanung durch Daten und KI immer präziser wird? Müssen gute Events künftig vielleicht beides können: Wirkung gezielt planen und Offenheit für das Unvorhersehbare bewahren?

Colja Dams: Unbedingt. Wirkung gezielt zu planen bedeutet nicht, ein Event bis auf die letzte Sekunde durchzukontrollieren. Im Gegenteil: Ein gutes Event muss bewusst freie Räume schaffen. Wir sprechen dabei viel über Serendipity, diese ungeplanten Begegnungen und Zufälle, aus denen für Teilnehmende manchmal die wertvollsten Momente entstehen. Das beginnt ganz praktisch damit, Programme nicht komplett zu überfrachten. Wenn ich jede Minute verplane und gleichzeitig zehn parallele Sessions anbiete, bleibt kaum Raum dafür, Menschen zu treffen, Gedanken weiterzuführen oder Neues zu entdecken. Gleichzeitig reicht es nicht, einfach eine einstündige Networking-Pause in die Agenda zu schreiben und darauf zu hoffen, dass Serendipity entsteht. Nicht jeder Mensch ist ein geborener Netzwerker. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir solche Begegnungen durch Räume, Formate und kleine Impulse unterstützen können. Daten und KI können uns dabei helfen, die Struktur dahinter besser zu verstehen: Wo braucht ein Event Orientierung und Führung, wo kann man bewusst Freiräume lassen? Die Entscheidung dafür bleibt aber eine konzeptionelle Aufgabe. Serendipity selbst lässt sich nicht planen. Aber wir können sehr bewusst die Bedingungen dafür schaffen, dass sie wahrscheinlicher wird.

KI beschleunigt Recherche, Kreation, Projektmanagement und Personalisierung. Wenn viele Agenturen künftig auf ähnlich leistungsfähige Systeme zugreifen können: Woraus entsteht dann noch echte Differenzierung? Welche Fähigkeiten werden für Agenturen dadurch wertvoller und welche verlieren möglicherweise an Bedeutung?

Colja Dams: KI ist zunächst einmal ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet nicht allein seine Leistungsfähigkeit über das Ergebnis, sondern der Mensch, der damit arbeitet. Wenn alle Agenturen auf ähnliche Modelle zugreifen können, wird der menschliche Faktor deshalb umso wichtiger. Wir sehen bereits heute, dass KI-generierter Content austauschbar und generisch sein kann. Differenzierung entsteht dann durch Urteilskraft, Erfahrung, Haltung, Kreativität und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Natürlich kann ich KI hervorragend als Sparringspartner einsetzen und dadurch auf Ideen kommen, die ich allein nicht entwickelt hätte. Aber jemand muss einen ersten Impuls geben. Jemand muss erkennen, welche Idee relevant ist. Und am Ende muss jemand Verantwortung dafür übernehmen, ob das Ergebnis wirklich gut ist.

Gleichzeitig verschieben sich die Kompetenzprofile in Agenturen. Routineaufgaben und reine Produktion werden an Bedeutung verlieren. Wertvoller werden Fähigkeiten an den Schnittstellen von Strategie, Kreation, Daten und Technologie. Wir werden beispielsweise mehr Spezialisten brauchen, die Daten, Verhaltensmuster und Simulationen verstehen und daraus konkrete Empfehlungen für Konzeption und Experience ableiten können. Auch die enge Zusammenarbeit mit Kundenteams wird wichtiger, weil Expertise dort gebraucht wird, wo Entscheidungen getroffen werden.

Deshalb glaube ich: Die entscheidende Frage wird nicht sein, wer die beste KI hat. Sondern wer aus denselben technologischen Möglichkeiten die besseren Entscheidungen, Ideen und Erlebnisse macht.

„Je digitaler und automatisierter Kommunikation wird, desto wertvoller werden echte Begegnung, gemeinsame Aufmerksamkeit und Erlebnisse, die sich nicht beliebig skalieren lassen.“

Ihre Agentur arbeitet international. Zuletzt haben Sie besonders die Geschwindigkeit hervorgehoben, mit der Events in China geplant und umgesetzt werden. Was können europäische Unternehmen von diesem „China Speed“ tatsächlich lernen und wo wäre es ein Fehler, Geschwindigkeit einfach mit Fortschritt gleichzusetzen?

Colja Dams: Was wir aus China mitnehmen können, ist die Bereitschaft, Entscheidungen früher zu treffen und die Umsetzung stärker parallel zu organisieren. In China erleben wir teilweise extrem kurze Vorlaufzeiten von vier bis sechs Wochen. Das ist beeindruckend, aber nicht automatisch etwas, das wir einfach kopieren sollten. Entscheidend sind die Prinzipien dahinter: weniger sequentielle Prozesse, schnellere Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung früher zu übernehmen. Genau das können auch europäische Unternehmen lernen, ohne Qualität, Sicherheit oder strategische Sorgfalt aufzugeben. Denn Geschwindigkeit darf niemals mit Hektik verwechselt werden. Gerade bei Veranstaltungen in der Größenordnung, in der wir arbeiten, sind Qualität und Sicherheit nicht verhandelbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie können wir schneller entscheiden, ohne schlechter zu entscheiden?

Genau dabei helfen uns auch neue Technologien. Wenn wir beispielsweise mithilfe digitaler Doppelgänger Konzepte und Entscheidungen bereits im Vorfeld mit der jeweiligen Zielgruppe simulieren können, reduzieren wir Unsicherheit und können schneller Klarheit gewinnen. Für mich bedeutet „China Speed“ deshalb nicht, alles schneller zu machen. Es bedeutet, unnötige Wartezeiten aus Entscheidungen und Prozessen herauszunehmen.

Blicken wir auf das Jahr 2030. Wenn Content weitgehend automatisiert erzeugt werden kann, digitale Kommunikation nahezu unbegrenzt skalierbar ist und KI immer mehr Prozesse übernimmt, was wird dann der eigentliche Luxus von Live-Kommunikation sein? Und woran werden wir erkennen, dass ein Event wirklich zukunftsfähig ist?

Colja Dams: Ich würde bei der Frage an einem Punkt widersprechen: Live-Kommunikation wird für mich kein Luxus werden. Sie bleibt etwas zutiefst Menschliches. Menschen haben seit jeher das Bedürfnis, zusammenzukommen, sich auszutauschen und Dinge gemeinsam zu erleben. Wir alle tragen dieses Lagerfeuer-Gen in uns. Daran ändern auch KI, virtuelle Welten oder automatisierte Kommunikation nichts. Was sich verändert, ist der Kontext. Wenn Content praktisch unbegrenzt verfügbar ist und digitale Kommunikation immer einfacher skalierbar wird, bekommt die reale Begegnung einen noch höheren Stellenwert. Gemeinsame Zeit, echte Aufmerksamkeit und das Gefühl, etwas zusammen erlebt zu haben, lassen sich nicht beliebig skalieren oder automatisieren. Deshalb wird für mich nicht die Technologie darüber entscheiden, ob ein Event 2030 zukunftsfähig ist. Entscheidend ist der Reason to Come: Gibt es einen echten Grund, warum Menschen dafür zusammenkommen sollten? Und entsteht daraus ein echter Wert für beide Seiten? Das Unternehmen muss mit dem Event seine Ziele erreichen. Gleichzeitig müssen die Teilnehmenden etwas erleben, das für sie relevant ist, sie berührt, ihnen etwas mitgibt und ihnen einen Grund gibt, wiederzukommen. Genau darin liegt die Zukunft von Live. Je digitaler und automatisierter unsere Kommunikation wird, desto wertvoller werden die Momente, die wir nicht digitalisieren können. Live is mission critical.

„KI wird nicht darüber entscheiden, welche Agentur sich durchsetzt. Entscheidend ist, wer Technologie mit Urteilskraft, Kreativität und den besseren Ideen verbindet.“

Zur Person: Colja Dams ist Inhaber und Co-CEO von VOK DAMS worldwide, einer der international führenden Agenturen für Events und Live-Marketing. Das Unternehmen wurde 1975 gegründet und vielfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Dams selbst belegte 2026 im internationalen Ranking „Top 100 Event Agency Leaders“ Platz 1. Seine besondere Leidenschaft gilt der Weiterentwicklung der Live-Kommunikation: Er beschäftigt sich intensiv mit den Potenzialen neuer Technologien, treibt Innovationen im Live-Marketing voran und sucht immer wieder nach neuen Wegen, Menschen zu erreichen und zu begeistern, live wie virtuell. www.vokdams.de